Kampagnen: Klassiker und Kuriositäten – Folge 4: Die skurrilsten Weihnachtswerbungen

In unserer Rubrik „Kampagnen: Klassiker und Kuriositäten" dreht sich heute alles um Weihnachten. Wir drehen am Rad der Zeit und sehen uns einige der skurrilsten und lustigsten Weihnachtswerbungen der letzten Jahrzehnte an: Von abwegigen Produktkategorien bis hin zu purer Geschmacklosigkeit ist für jeden etwas mit dabei.

Für ihre alljährlichen Weihnachtskampagnen greifen viele Unternehmen besonders tief in den Marketing-Geldbeutel. Den aufwändig produzierten Weihnachtswerbespots der deutschen Einzelhändler Edeka, Lidl, Rewe und Co. fiebern Brancheninteressierte und auch Normalverbraucher heute so richtig entgegen. Dabei ist eines immer besonders wichtig: die ganz großen Gefühle. Um ihre Produkte passend zum Fest der Liebe zu inszenieren, setzen Unternehmen auf Emotionen und lassen sich immer neue Kniffe einfallen, um das Herz ihrer Kunden zu erobern. Vor einigen Dekaden sah die Weihnachtswerbung allerdings etwas anders aus. Dieser hochemotionale, ja fast hochstilisierte Rahmen, in den die Spots heute gesetzt werden, stand für Werbungtreibenden von anno dazumal noch nicht im Fokus. Wir haben den Blick zurück gewagt und uns ein paar Weihnachtswerbungen der vergangenen Jahrzehnte angesehen - und dabei einige skurrile Fundstücke entdeckt: von abwegigen Produktkategorien bis hin zur puren Geschmacklosigkeit.

 

 

1. Colt (1939)

 

Quelle: cracked.com

Die 1930er Jahre waren in den USA geprägt von einer schweren Wirtschaftskrise – der "Great Depression". Das Wort „Depression" kommt in dieser Bezeichnung nicht von ungefähr, sondern beschreibt das Gefühl vieler Menschen zu dieser Zeit der Hungersnöte und Epidemien. Macht man sich diese Tatsache bewusst, bekommt die 1939 in Zeitungen abgedruckte Weihnachtswerbung des Waffenherstellers Colt einen noch unangenehmeren Beigeschmack. Zusammen mit der Handfeuerwaffe findet der Empfänger nämlich auch einen Zettel unter dem Weihnachtsbaum mit den Worten man solle „sich selbst ein Weihnachtsgeschenk geben". Welche Implikation mit dieser Aussage mitschwingt, war den Machern des Plakats damals möglicherweise nicht bewusst.

Schockierend ist es heute deshalb umso mehr, dass die Colt-Werbung offensichtlich das Thema Suizid aufgreift. Ein Einzelfall? Keinesfalls. Die Absurditäten in Sachen Weihnachtskampagnen gehen weiter.

 

 

2. Arrow Shirts (1947)

 

Quelle: jonwilliamson.com

Nach der „Great Depression" folgte der wirtschaftliche Aufschwung der USA in der Nachkriegszeit. Mit dem starken Wirtschaftswachstum und der massiven Einkommenszuwächse änderte sich auch die Mentalität der Amerikaner. Das Thema „Suizid" wurde dennoch erneut aufgegriffen. Diesmal scheinbar, weil es den Menschen zunehmend besser ging und eine Art Überflussgesellschaft einzusetzen schien. Die Weihnachtswerbung der Macher für die Hemden der Marke Arrow ließen den armen Santa Claus so verzweifeln, dass er sich das Leben nehmen wollte. Warum? Scheinbar ist er dem Stapel an Wunschzetteln auf seinem Tisch nach den begehrten Hemden nicht mehr nachgekommen. Doch die gute Nachricht vom Hersteller, dass es wieder Nachschub gibt, verhindert zum Glück das Schlimmste.

 

 

3. Lucky Strike, Camel und Pall Mall (1950er)

 

Quelle: pinterest.de

Im Januar 2007 beschloss die Europäische Union Tabakwerbung im Internet, in Zeitungen und Zeitschriften komplett zu verbieten. Dass Lucky Strike, Camel und Pall Mall heute ihre Weihnachtswerbungen aus den Fünfzigern zurückbringen, ist also nicht nur unwahrscheinlich, sondern wäre vielerorts auch illegal. Das Bild des lächelnden Weihnachtsmannes mit glühendem Glimmstängel im Mund wirkt heute eher wie eine Parodie – damals war die Empfehlung für Pall Mall Zigaretten gegen Kratzen im Hals aber vollkommen ernst gemeint.

Springen wir fünfzig Jahre in die Zukunft, sind nicht mehr Zigaretten das zu bewerbende Suchtmittel für die Weihnachtszeit, sondern Alkohol.

 

 

4. Heineken (2000)

Quelle: youtube.com

Viele Heineken Werbespots der vergangenen Jahre haben absoluten Kultstatus erlangt. Mit ihrem einfach gestrickten, plakativen „Männer-Humor" treffen sie häufig genau ins Schwarze – und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Obwohl weltweit dutzende Werbeagenturen über die Jahre weit über 100 Clips kreiert haben, verlaufen die Spots fast immer nach demselben Muster. Innerhalb weniger Sekunden wird dem Zuschauer erst eine fragwürdige Situation und anschließend eine intelligente Pointe präsentiert. So schafft es auch dieser Spot, der 2000 zu Weihnachten in Russland ausgestrahlt wurde, in nur 16 Sekunden einen Lacher zu liefern. In einer Wohnsiedlung sind drei Männer mit Schnee schippen im Vorgarten beschäftigt. Einer von ihnen schippt den Schnee allerdings nicht auf den Haufen im Garten sondern durch das Fenster seines eigenen Hauses. Ein Blick nach Innen zeigt wieso: seine Freunde benötigen Schnee um ihr Heineken kühl zu halten. Die Notwendigkeit von Mützen und Schals nehmen sie für ein kaltes Bier gerne in Kauf. Produkt und Nachricht haben hier eigentlich keinerlei Weihnachtshintergrund – der Clip ist trotzdem Genial.

 

 

5. Ethical Ocean (2011)

 

Quelle: dailyinfographic.com

Der Onlinemarktplatz Ethical Ocean sieht sich als eCommerce-Community für gesundheits- und umweltbewusste Online-Shopper. Um die Plattform zu Weihnachten zu promoten, veröffentliche Ethical Ocean 2011 eine Infografik zum ökologischen Fußabdruck des Weihnachtsmannes. Das Vorhaben, den gesamten Planeten in einem Rentier-Schlitten zu umfliegen und jedem Menschen ein Geschenk zu bringen, hätte nämlich einen enormen CO2-Ausstoß zur Folge – Genau genommen 69,7 Tonnen CO2. Die Infografik zeigt jedoch nicht nur Probleme an der jährlichen Arbeit von Santa Claus sondern gibt auch Verbesserungsvorschläge: Spielzeug aus Recyclingmaterial, eine energieeffizientere Fabrik, umweltfreundliches Geschenkpapier oder Plätzchen aus lokalen Lebensmitteln. Die komplette Infografik finden Sie hier.

Zum Abschluss dieser Reise durch die skurrile Welt der Weihnachtswerbung haben wir noch einen brandaktuellen Weihnachts-Werbeskandal.

 

 

6. Lottohelden.de (2017)

 

Quelle: horizont.net

Provokation in der Werbung ist nichts Neues und das „Sex sells", ist auch bekannt. Aber Sophia Thomalla als weiblicher Jesus in Unterwäsche am Kreuz sieht man auch nicht jeden Tag. Unter dem Slogan "Weihnachten wird jetzt noch schöner" findet sich das Bild der Kampagne seit zwei Tagen in den sozialen Netzwerken und wird eifrig diskutiert. Das Viral der scheinbaren neuen Kampagne für Lottohelden.de – noch ist nicht sicher, ob sie erst geplant oder bereits geschaltet ist – sorgt aber schon jetzt für mächtig Trubel. Und zwar so sehr, dass der Deutsche Werberat jetzt sogar einschreitet. Das Gremium sieht in dem Motiv eine Verletzung religiöser Gefühle und leitet selbst ein Verfahren ein. Auch bei Thomallas Fans stieß das Motiv auf Entrüstung. Auf Instagram wurde der entsprechende Post fast 40.000 Mal geliked – der Kommentarbereich strotzt jedoch nur so vor Empörung. Mehr Details rund um das Aufreger-Thema gibt es auf Horizont.

Den Zweck der Aufmerksamkeit hat die Kampagne auf jeden Fall schon mal voll erfüllt, mal abgesehen von der Tatsache, dass Jesus am Karfreitag gekreuzigt wurde und nicht an Weihnachten.

 

Damit beenden wir unsere Reise durch die Chronik der skurrilen Weihnachtswerbungen. Ob Kampagnen zu Weihnachten auch in Zukunft relevant bleiben, daran gibt es wohl keinen Zweifel. Die Zeit der Zigaretten, Waffen und Suizid-Thematik zu Weihnachten ist wohl vorbei – Die Zeit der Werbeexperimente und gezielter Provokation ist aber noch lange nicht Schnee von gestern.

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