Agenturausblick 2016: Alles auf Nudging

Ein Gastkommentar von Stefan Krüger, Geschäftsführer der PR-Agentur cocodibu, zuvor Chefredakteur der Branchenmedien „W&V“ und „Kontakter“.

Stefan Krüger

Stefan Krüger

Was passiert eigentlich, wenn der Content-Tsunami über uns hinweg gefegt ist? Nichts. Totale Stille. Vielleicht mal unterbrochen vom lästigen Summen einer Fliege. Jenem Tierchen, das Männer aus den Toiletten-Urinalen kennen. Wer auf die dort aufgedruckten Umrisse des Insekts zielt, richtet keine Sauereien an, befriedigt den Spieltrieb und fühlt sich besser.

Nudging: die Kunst, Verbraucher subtil zu lenken

So profan das klingt, letztlich stecken dahinter Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie: 2008 veröffentlichte der Harvard-Professor Cass Sunstein den Bestseller „Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth and Happiness“. Sein Credo: Wir brauchen alle einen kleinen Stupser, um uns besser zu verhalten: Gesünder zu leben, Energie zu sparen, Geld fürs Alter zurückzulegen. Vor allem in Amerika nutzt die Politik inzwischen gezielt dieses „Nudging“ (Anstupsen), um die Bevölkerung in die aus ihrer Sicht richtige Richtung zu lenken – und sei es nur, dass US-Kinos beim Verkauf von Popcorn-Tüten die Kalorien pro Tüte angeben müssen. Und auch die deutschen Politiker liebäugeln zunehmend mit dem Thema. Erst Anfang des Jahres schrieb das Bundeskanzleramt drei Stellen aus. Gesucht wurden Mitarbeiter mit „hervorragenden psychologischen, soziologischen, anthropologischen, verhaltensökonomischen bzw. verhaltenswissenschaftlichen Kenntnissen“.

In der Wirtschaft hat Nudging – vom Einzelhandel abgesehen – dagegen noch nicht recht Fuß gefasst. Weit vorn sind hier vor allem die amerikanischen Internet-Konzerne. Die ausgeklügelten Algorithmen von Facebook und Amazon etwa, die uns automatisch die richtigen Freunde und die passenden Produkte vorschlagen.

Kommt 2016 der Durchbruch für Nudging?

Doch 2016 könnte sich der Wind drehen und Nudging den Durchbruch bringen. Und das wiederum hängt viel mit der bisherigen Kommunikation der Unternehmen zusammen. So verständlich es ist, dass alle aktuell auf den Content Marketing-Zug aufspringen, die Sache hat einen Haken: Es droht akut der Content-Kollaps. Denn: Content-Marketing lässt die Zahl kommerzieller Botschaften exponentiell ansteigen. Nur, wer soll das alles wann konsumieren? Und so werden sich nur die wenigen, die paid, owned und earned media exzellent beherrschen, Gehör verschaffen können. Alle anderen drohen unterzugehen. Sie müssen ihre Kommunikation komplett neu aufstellen - Nudging könnte hier die subtile Alternative sein.

Für Agenturen tut sich damit möglicherweise ein neues Tätigkeitsfeld auf. Marketing ist immer komplexer geworden: On- & Offline-Tracking, Customer Journey-Analysen, personalisierte Echtzeitwerbebotschaften und, und, und. Bei diesem Wettrüsten um die gleichermaßen höchste Content- wie Technolgiekompetenz werden viele Agenturen nicht mehr mithalten können. Doch was kommt stattdessen? Vielleicht ja doch bei der Verhaltensökonomie ansetzen und Lösungen entwickeln, die den Konsumenten sanfte Denkanstöße in die richtige Richtung geben. Die Schweizer Dienstleister sind hier offenbar schon einen Schritt weiter. Wer „nudge agentur“ googelt, bekommt als ersten Treffer Matter Gretener & Lesch ausgespuckt. – die Nudge-Agentur. Wo aber bleiben die deutschen Mitbewerber?

Kommentar schreiben

Bitte füllen Sie alle mit (*) gekennzeichneten Felder aus. Vielen Dank.
« zurück